Die Mathematik des Todes

Aktualisiert: 29. Aug. 2021

Wie Sie wissen, beschäftige ich mich mit Risiken von Unternehmen. Meine Leidenschaft für Risiken habe ich jedoch als Teenager entwickelt, als ich mich mit Gefahren im Alltag beschäftigte. Damals wurde auch mein Interesse für die Wahrscheinlichkeitsrechnung geweckt, die ich als sehr wichtiges Werkzeug im Alltag (egal ob beruflich oder privat) einschätze.

Besonders bemerkenswert empfinde ich dabei meine Beobachtung, dass sich viele Menschen der Risiken im Alltag nicht bewusst sind und z.B. keine Vorstellung von "Mikromorts" haben.


Mikromorts werden benutzt, um das Todes-Risiko auszudrücken. Ein Mikromort entspricht der Aussage "eins zu einer Millionen". Wenn man 350 km mit dem Auto, 10 km mit dem Motorrad oder 16.000 km mit dem Zug unterwegs ist, dann hat man einen Mikromort erreicht. Ein Pendler, der täglich 50 km reist, kommt dadurch jährlich auf ca. 35 Mikromorts mit dem Auto, mit der Bahn jedoch nur auf 0,75 Mikromorts. Eine einmalige Teilnahme beim "Russisch Roulette" liegt bei 166.666 Mikromorts, eine Besteigung des Mount Everest liegt bei 35.000 und eine Herzoperation bei 20.000 Mikromorts. Gerne wird auch der Konsum von 1,5 Zigaretten mit einem Mikromort gleichgesetzt; diese Zahl ist m.E. so nicht interpretierbar. Hier macht es mehr Sinn, mit "Microlifes" zu argumentieren: Ein Microlife ist der Verlust einer halben Stunde Lebenszeit. Eine Schachtel Zigaretten kommt auf zehn Microlifes, da sie uns 5 Stunden Lebenszeit klaut.


Das grundsätzliche Problem ist, dass wir Menschen sehr schlecht in der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten sind. Mein Berufskollege David Spiegelhalter hat einmal auf die Frage, warum das so ist, geantwortet "Ich bin Professor, ich kann eine Menge mathematischer Fragen schnell im Kopf lösen, aber um eine Wahrscheinlichkeit auszurechnen, brauche auch ich einen Stift und ein Blatt Papier".


Darüber hinaus hat uns die Psychologie gezeigt, dass wir "Menschen" viele Risiken komplett falsch einschätzen und uns so äußerst fahrlässig verhalten. Ein Blick aufs Handy während der Autofahrt, um kurz eine Whats-App Nachricht zu lesen, lässt die Todeswahrscheinlichkeit für die nächsten 15 Sekunden exponentiell ansteigen.


Die Mathematik stellt uns hier fantastische Methoden bereit, mit denen wir Risiken einschätzen können. Leider ist diese Mathematik - zugegebenermaßen - äußerst kompliziert und erfordert jahrelange akademische und praktische Erfahrungen. Selbst Studenten, die sich lange Zeit damit beschäftigt haben, empfinden Kombinatorik, logistische Regressionen und z.B. das Theorem von Bayes als mühselig und verwenden es nicht im Alltag. Äußerst Schade, denn damit könnten wir unser Verhalten anpassen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: "Leben" bedeutet natürlich Risiken einzugehen, sonst würden wir uns ausschließlich mit einem Helm und Schwimmweste im Bett befinden. Unser Leben wäre unerträglich langweilig, wenn wir keine Risiken eingehen würden. Doch man sollte sich der Risiken bewusst sein und sich ggf. auch absichern.


Um zu meiner eigentlichen Berufung zurückzukommen: Die Mathematik des Todes wird vor allem für Unternehmen verwendet: das Rating und das damit verbundene Risikomanagement. Mit Tod wird hierbei die Insolvenz gemeint. Hier haben sich im Laufe der Zeit sehr hilfreiche Methoden entwickelt, die leider zu wenig benutzt werden. Vor allem in Deutschland und besonders bei kleinen und mittelständischen Unternehmen hat sich noch nicht durchgesetzt, dass Risikomanagement für Unternehmen ähnlich wichtig wie eine kugelsichere Weste für einen Drogenfahnder ist.


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