Bitcoins und der Minsky-Moment

Wir leben in verrückten Zeiten: Die Corona-Krise hat uns seit über einem Jahr im Griff und zernagt ganz nebenbei unsere Wirtschaft. Dabei hatten wir ja noch mit der Euro-Schuldenkrise und sogar mit den Auswirkungen der letzten Finanzkrise zu tun. Die EZB hat - wie man das so von einer Zentralbank gewöhnt ist - die Geldmenge drastisch erhöht. In Zahlen: multipliziert mit dem Faktor 7 (sic!). Das ist nicht nur in der Euro-Zone der Fall, sondern flächendeckend zeigt sich dieses Muster.

Das viele Geld der Notenbanken hat der Wirtschaft bestimmt sehr geholfen, inzwischen befürchte ich aber, dass diese Liquidität die Finanzstabilität gefährdet. John Cryan (Ex-Chef Deutsche Bank) hat bereits 2017 gewarnt: "Wir sehen Anzeichen von Spekulationsblasen in mehr und mehr Märkten, wo wir das niemals erwartet hätten“.


Schon der berühmt/berüchtigte John Law (Ökonom und Krimineller, 1671 - 1729) wusste, dass eine Volkswirtschaft profitiert, wenn viel Geld im Umlauf ist. Denn je größer die Geldmenge, desto günstiger ist es, sich welches zu leihen. Das kurbelt Investitionen und das Wirtschaftswachstum an. Etwas ungünstig nur, dass er mit seinen Ideen die Mississippi-Blase verursachte und an anderer Stelle auch die zeitgleiche Südsee-Blase, welche im Jahr 1720 in Europa ein massives Finanzbeben auslösten.


Die von der EZB bereitgestellte Geldmenge hat (ggf. noch) nicht für eine Inflation gesorgt, da das Geld in den Finanzmärkten hängen geblieben ist. Dort sehen wir eine Inflation der Vermögenswerte, denn das billige Geld der Notenbanken bläst die Märkte auf. So wird aktuell auf den Märkten ein Rekord nach dem anderen gebrochen und die Preise für "so-ziemlich-egal-was" steigen (Aktien, Anleihen, Immobilien, etc.). Ein Blick auf den Angst-Index (damit meine ich den S&P 500 VOLATILITY) zeigt, dass die Corona-Angst zwar abgenommen hat, wir uns aber auf einem hohen Niveau bewegen. Es bleibt wohl leider spannend.


Ein derzeit sehr bemerkenswertes Phänomen in dem Zusammenhang ist dabei der Bitcoin. Auf Studentenseite ist dieser in meinen Vorlesungen anscheinend bei manchen Personen noch beliebter als "Funktionsweise von Kapitalmärkten" und/oder "Finanzmathematik". Auch im privaten Umfeld werde ich häufig zu meiner Meinung über Bitcoins gefragt; meine Antwort auf diese Frage würde ich gerne hier teilen.


Der Bitcoin erinnert mich sehr an vergangene Spekulationsblasen (Tulpenkrise, Dot-Com-Blase, Eisenbahnblase, etc.): Der Preis einer neuen Anlageklasse wird allein durch das Auftreten von Spekulanten in schwindelerregende Höhe getrieben. Selbsternannte Experten befeuern die Preise durch ihre euphorischen Zukunftsaussichten und "jeder" hat Angst, hier eine große Chance (schnelle Gewinne) zu verpassen. Es fallen Sätze wie "Das Risiko, nicht in Bitcoin zu investieren, ist größer, als das Risiko in Bitcoin zu investieren". Die Aussage ist in vielerlei Hinsicht nicht klug.


Die Anatomie von Spekulationsblasen: Der Krisenforscher Hyman Minsky hat Spekulationsblasen in 5 Stufen eingeteilt. Die ersten drei Stufen (Verlagerung, Boom, Euphorie) hat der Bitcoin meines Erachtens recht spektakulär durchschritten. Ich warte eigentlich nur auf die vierte Stufe: Den Minsky-Moment: Es passiert etwas, mit dem man so nicht gerechnet hat (da kann man jetzt gerne phantasieren: neue Technologie, kein Aufwärtstrend, politische Eingriffe, Zinswende, etc). Darauf tritt die fünfte Stufe ein: Panik. Der Kurs fällt in kürzester Zeit ins Bodenlose und es realisiert sich eine erschreckende Wahrheit: Es wird klar, wer den Lamborghini der erfolgreichen Bitcoin-Spekulanten (die vorher ausgestiegen sind) bezahlen muss: diejenigen, die zu spät ausgestiegen sind. Denn die "Greater-Fool-Hypothese", welche besagt, dass sich in der Euphorie immer ein Narr finden lässt, der noch mehr zu zahlen bereit ist, hat abrupt im Minsky-Moment aufgehört. Wohlgemerkt: Eine Spekulationsblase generiert Gewinner und Verlierer im exakt gleichen Euro-Volumen.


Ich glaube sogar, dass der Bitcoin diese fünf Phasen schon mal in schwächerer Form 2017-2018 durchschritten hat. Befürchte aber, dass er jetzt erst so richtig Anlauf nimmt. Aber, ob die aktuelle Entwicklung des Bitcoins wirklich eine Spekulationsblase ist, kann ich auch nicht mit Sicherheit beantworten. Das sieht man erst ex-post, wenn die zentrale Eigenschaft einer Spekulationsblase erfüllt ist: SIE PLATZT. Man kann sich gerne selber den Verlauf des Bitcoins anschauen und sich die Frage stellen, ob sich dort möglicherweise viele euphorische Spekulanten umtreiben, die zeitnah wieder aussteigen wollen.


Ich freue mich sehr (!) über jegliche Kommentare zu diesem emotionalen Thema. Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Blog abonnieren?



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